Mercedes EQS 450+: Praxistest

Der Mercedes EQS 450+ ist die vollelektrische S-Klasse. Viel Power, viel Komfort, Technik ohne Ende. Praxistest. Stärken und Schwächen auf einen Blick.

Doch der Reihe nach.

Die Marke

Mercedes ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Sagen Kritiker. Zuviel Masse im Markt als Resultat der Öffnungsstrategie Ende der 90er-Jahre in die Kompaktklasse. A-Klasse, B-Klasse, alles schön und gut. Aber ein echter Mercedes sieht anders aus. Und weil mit dem Marsch in die Niederungen des Marktes automatisch die Renditen schmelzen, versuchte das Management zwei Jahrzehnte später das Ruder herumzureißen. Plötzlich war Luxus pur angesagt, Ertragsklasse statt Absatzmasse. Leider ebenfalls zu kurz gesprungen. Mercedes ist Qualität, Gediegenheit. Technik für Leute, die es sich leisten können. Nicht Luxus. Und jetzt? Wieder Kommando zurück. Die Baureihen A- und B-Klasse werden wiederbelebt, die Elektrostrategie wechselt vom Vollgas- in den Bremsmodus, gestern Hü, heute Hott.

Hinzu kommen im Rückblick die fast unglaublichen Irrungen und Wirrungen der letzten 40 Jahre: Vom Integrierten Technologiekonzern in den 80ern; über die Rückkehr zu den Fahrzeugwurzeln in den frühen 90ern; zum Daimler-Chrysler-Desaster in den späten 90ern; und schließlich zur Konzernaufspaltung in den frühen 20ern: Personenwagen- und Nutzfahrzeuggeschäft firmieren jetzt jeweils auf eigene Rechnung.

Das ist kein Ruhmesblatt für die Marke mit dem Stern, deren Begründer das Automobil vor 140 Jahren erfunden haben.

Das Auto

Bleibt die Frage, was die langen und erratischen Schleuderspuren der jüngeren Konzerngeschichte mit dem Produkt gemacht haben.

Den Praxistest bestreitet ein Mercedes EQS 450+, der in Privathand läuft. Erstzulassung Juli 2024, aktueller Kilometerstand knapp 34.000 Kilometer. Der Eigner ist ein Early Adopter, also ein Pionier, der mittlerweile mit dem sechsten Vollelektriker in der Firma und im privaten Haushalt unterwegs ist. Er hat den EQS 450+ Anfang 2025 als Halbjahreswagen übernommen und seitdem rund 26.000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt.

Erstes Ausrufezeichen ist der enorme Wertverlust des mächtigen Mercedes-BEV: Nach einem halben Jahr Laufzeit und 7500 Kilometer Laufleistung ging der EQS 450+ für

77.000 Euro

in die zweite Hand. Neuwagen-Listenpreis:

119.000 Euro.

Der Abschlag beträgt also

42.000 Euro

oder

35 Prozent.

 

Leistung, Laden, Verbrauch

Der EQS 450+ ist ein klassischer Hecktriebler. Der Elektromotor ist achtern platziert und treibt die Hinterräder an.

265 kW (360 PS)

Leistung,

568 Newtonmeter

Drehmoment aus dem Stand. Sprint auf 100 km/h in

6,2 Sekunden.

Die Höchstgeschwindigkeit wird bei

210 km/h

elektronisch abgeregelt. 

Das sind Leistungswerte, für die ein Verbrenner ordentlich Hubraum und/oder zwei Turbolader braucht.

Wirklich verblüffend sind allerdings die Verbrauchswerte des 2,5-Tonnen-Autos. Im Mischbetrieb mit 50 Prozent Autobahnanteil konsumiert der schwere Wagen

20,9 kWh/100 km.

Nach 730 Autobahn-Kilometern bei niedrigen Außentemperaturen und einer Marschgeschwindigkeit von 110 km/h meldet der Bordcomputer

28,8 kWh/100 km.

Und für die bisherige Gesamtlaufstrecke des Autos – rund 34.000 Kilometer – misst die Bordtechnik einen Durchschnittsverbrauch von

21,7 kWh/100 km.

Rechnet man den Stromverbrauch in das Benzin- oder Dieseläquivalent um, belegen diese Verbrauchswerte die überlegene Effizienz des Elektroantriebs. 

By the way: Dass der Zustand der Ladeinfrastruktur ein wesentlicher Akzeptanzfaktor des E-Autos ist, wurde und wird ausführlich diskutiert. Die nachfolgende Momentaufnahme entstand in der Nacht vom 17. auf 18. Februar 2026 an der BAB 7-Raststätte Riedener Wald Ost nach einem für die Jahreszeit nicht ganz überraschenden Wintereinbruch. Alle Zufahrten und Parkplätze waren sauber geräumt – mit Ausnahme des Ladesäulen-Areals.

Apropos Laden. An Powerstationen holt sich der 118-kWh-Akku den Gleichstrom mit einer Ladeleistung von bis zu 200 kW. Das garantiert bei optimalen Bedingungen kurze Ladepausen.

Beim Wechselstrom-Laden an der Wallbox oder an öffentlichen Stationen in Wohngebieten ist der EQS-Fahrer aber Opfer der Knauserigkeit seiner Marke. Mercedes gibt dem teuren Auto nur einen lahmen 11-kW-AC-Lader mit auf den Weg, die schnellere 22-kW-Technik kostet 1190 Euro Aufpreis. Lob gibt es immerhin für das komfortable, weil schlanke AC-Ladekabel, wenngleich die Sternrechner die Hände auch an dieser Stelle über die Kasse halten – „5 m, glatt“ sind serienmäßig, zwei in Anbetracht des langen Wagens durchaus sinnvolle Zusatzmeter werden mit 83,30 Euro in Rechnung gestellt.

Handling und Komfort

Der Mercedes EQS 450+ ist ein schwerer Wagen, seine Abmessungen sind nicht jedermanns Sache: 5,22 Meter Lang, 1,93 Meter breit. Die schiere Größe macht das Auto also unhandlich, jedenfalls dort, wo das Blech ein physischer Faktor ist – in alten engen DIN-Norm-Parkhäusern zum Beispiel, auf schmalen Landstraße, oder in engen Durchfahrten. Dass der Praxistestwagen erstaunlich agil agiert, ist den Spendierhosen seiner beiden Besitzer zu verdanken. Der Erstkäufer orderte aus der meterlangen Optionsliste die 3,6-Grad-Hinterachslenkung für 1547 Euro, der Halbjahreswagen-Profiteur gönnte sich und dem Wagen zusätzlich das Software-Update, das die Hinterräder zum 10-Grad-Einschlag befähigt. Kostenpunkt: 320 Abo-Euro pro Jahr, kein Witz.

Das ist einerseits eine ziemlich dreiste Aufpreispolitik, die Premiumhersteller wie Mercedes bekanntlich auf die Spitze treiben. Auf der anderen Seite wirkt der Move im Sinne des Wortes. Die Hinterachshilfe verkleinert den Wendekreis um zwei auf gerade mal zehn Meter und macht so aus dem Schiff ein wendiges Boot. Keine Frage, die Arbeit hinterm Rad des EQS macht Spaß mit der optionsoptimierten Hinterachslenkung.

Kaum eine Blöße gibt sich der große Mercedes auch in Sachen Komfort. Das ist wenig überraschend, das Thema gehört zu den Kernkompetenzen der Marke. Die Luftfederung schwebt über dem 3,21 Meter langen Radstand, und dass es auf schlechtem Belag hie und da doch ein wenig poltert, ist den 21-Zoll-Rädern mit den flach belegten Gummis (265/40) geschuldet.

Alles im Lot also im langen Boot? Fast jedenfalls. Die Sitze vorn und hinten sind gut zu den Passagieren, alles ist gepflegt und beheizt, optional sogar das Lenkrad (Aufpreis 583 Euro).

Kritik verdient allerdings die Klimatisierung. Ist die Fondfunktion aktiviert, arbeitet die Lüftung zu laut. Und auch das optionale Glasschiebedach (Aufpreis 1940 Euro) bereitet dem EQS-Eigner Kummer. Eine schlecht eingepasste Dichtung sorgt zuweilen bei Geschwindigkeiten zwischen 80 und 100 km/h für ein penetrantes Wummern. Der Kunde ist geduldig, eine große Mercedes-Niederlassung will zeitnah für Abhilfe sorgen.

Lob gibt es hingegen für die Vorklimatisierung, die bei extremer Kälte vorab klar Schiff macht.

Viel Licht und ein wenig Schatten bringt der adaptive Fernlichtassistent. Die Automatik ist nicht zuletzt bei schlechter und nebliger Witterung ein Garant für die entspannte Fahrt durch die Nacht. Dass der Assistent aber ausgerechnet bei salznasser Straße die elektronischen Segel streicht, ist keine Empfehlung für die Abteilung Licht und Sicht bei Mercedes-Benz.

Und Kritik verdient auch die Platzierung des Licht-Drehschalters links unterm Lenkrad.

Touchiert das Fahrerknie das runde Ding beim Einstieg, wird möglicherweise die Scheinwerfer-Automatikfunktion deaktiviert. Das ist vor allem bei Fahrten in die Dämmerung hinein unerfreulich.

Ansonsten hält auch der EQS, was ein Daimler verspricht: Mercedes-Feeling. Lenkung und Bremsen arbeiten präzise, der adaptive Rekuperationsmodus agiert auf Basis des aktuellen Verkehrsgeschehens,das ist One-Pedal-Driving für Fortgeschrittene.

Raumangebot und Bedienung

Das Platzangebot kann in einem 5,22-Meter-Auto kein Thema sein. Die Türen öffnen weit, auf das Gepäck wartet ein Traum von Kofferraum. Platz zum Liegen und in Zahlen: Je nach Rückenlehnen-Konfiguration zwischen 

620 und 1720 Liter Fassungsvermögen.

 

Und damit zum Cockpit. Für Getriebe und Scheibenwischer gibt es die klassischen Stockhebel am Lenkrad, die Tasten für die Fensterheber, für die Außenspiegel und für die Sitzverstellung sind da, wo sie hingehören – in den Türen links und rechts. Klassische Haptik im Lenkrad auch für wichtige Assistenzsysteme, fürs Telefon, fürs Radio und für die Monitore. Der Startknopf wartet rechts hinter dem Lenkrad.

Infotainment/Assistenzsysteme

Zentral hinterm Lenkrad platziert ist das Instrumentendisplay mit den klassischen Informationen zum aktuellen Fahrgeschehen: Tempo, Fahrmodus, Reichweite, Tempolimit-Anzeige, Assistenzsysteme.

Das Infotainmentdisplay ist in der Mitte des Armaturenbretts montiert.

 

Es bietet den kompletten Zugang zu allen Informationen und Steuerungsmöglichkeiten rund ums Auto.

Ausstattung und Preis

Die Serienausstattung des EQS ist gut, die Optionsliste aber markentypisch lang. Für 8841,70 Euro gibt es zum Beispiel den Drive Pilot, der das Auto bis 95 km/h autonom fährt. Der Parkassistent kostet 1130,50 Euro, und das AMG-21-Zoll-Rad, wie es auf unserem Praxistestwagen montiert ist, steht mit 3748,50 Euro in der Aufpreisliste.

Aktueller Basispreis des EQS 450+: 106.264, 86 Euro.

Zusammenfassung

Hoher Preis, viel Leistung und Komfort, typisch Mercedes. Der EQS 450+ ist ein Oberklasse-Auto der neuen Zeit – ein souveräner Vollelektriker, der ganz nebenbei mit einer erstaunlichen Energieeffizienz punktet.

Die Stärken auf einen  Blick:

+ Mercedes-Feeling

+  Verbrauch

+ Ladetempo DC

+ Komfort

+ sehr gute Fahrleistungen

 

Die Schwächen auf einen  Blick:

Hoher Preis

Wertverlust

Aufpreispolitik

Laden Wechselstrom 

 

 

 

 

Fotos: motorfuture

 

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