Volvo EX60 P10 AWD electric Ultra: Fahrbericht

Der Volvo EX60 ist das erste Volvo-Modell, das auf einer rein vollelektrischen Plattform gebaut wird. Fahrbericht Logbuch TEST.

Mit dem EX60 vervollständigt Volvo sein Produktportfolio und bietet ab sofort all seine Fahrzeugklassen auch vollelektrisch an. Im ersten Halbjahr 2026 verkaufte Volvo in Deutschland 26.278 Fahrzeuge — 23 Prozent Vollelektriker und 45 Prozent Plug-in-Hybride. Das entspricht einem Minus von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der XC60 ist mit 10.518 verkauften Fahrzeugen und einem Anteil von 40 Prozent weiterhin das Topmodell der Marke — seit 2025 ist das SUV das erfolgreichste Volvo-Modell aller Zeiten und hat mit 2,7 Millionen produzierten Fahrzeugen den legendären 240 an der Spitze abgelöst. Entsprechend wichtig ist der vollelektrische EX60, der in derselben Fahrzeugklasse positioniert ist. Ein elektrischer XC60 ist er trotzdem nicht. „Der EX60 ist weder ein Zwilling, noch Bruder, geschweige denn Nachfolger des XC60“, sagt Volvo-Sprecher Michael Schweitzer.

Ein Blick auf die aktuelle Auftragslage zeigt, dass sich das Verhältnis inzwischen bereits verändert hat. „Neun von zehn Fahrzeugen haben einen Stecker und der Anteil der Vollelektriker liegt bei den Bestellungen bei 60 Prozent“, sagt Schweitzer.

Passend dazu ist der EX60 das erste Volvo-Fahrzeug, das auf einer reinen Elektroplattform gebaut wird. „Der Volvo EX60 steht auf einer vollkommen neuen technischen Basis“, sagt Lutz Stiegler, Head of Architecture Strategy bei Volvo. Die SPA3-Plattform ist eine komplett neue Plattform. „Warum? Weil wir bei Volvo zum ersten Mal den Schritt gemacht haben und jetzt wissen, dass das Auto von dieser Plattform nie wieder einen Verbrennungsmotor aufnehmen muss“, sagt Stiegler. Das hat konkrete Auswirkungen auf die Konstruktion. So ist beispielsweise der Vorderwagen vollständig anders aufgebaut. „Das Fahrwerk ist der Nutznießer des gesamten Architekturaufwands“, sagt Stiegler. 

Die neue Plattform ermöglicht unter anderem die 800-Volt-Technologie, die Integration des Akkus in die Karosseriestruktur nach dem Cell-to-Body-Prinzip sowie den Einsatz von Megacasting. Im Volvo-Werk im schwedischen Torslanda kommt das Verfahren erstmals zum Einsatz. Das Heckteil besteht aus einem einzigen Gussteil, das 124 Einzelteile ersetzt. Dadurch soll Gewicht eingespart werden. Über den gesamten Lebenszyklus betrachtet soll das Verfahren zudem kostengünstiger sein als die Fertigung aus zahlreichen Einzelteilen.

Wir waren mit dem neuen Volvo EX60 unterwegs.

Antrieb

272 PS (200 kW) und 310 Nm an der Vorderachse sowie 408 PS (300 kW) und 480 Nm an der Hinterachse treiben den Allrad-EX60 P10 AWD Electric an. Die Gesamtleistung von 510 PS (375 kW) und 710 Nm beschleunigt das aktuell leistungsstärkste EX60-Modell in 4,6 Sekunden auf 100 km/h. Volvotypisch regelt das System bei 180 km/h ab.

Stellt man den Wählhebel auf „D“, setzt sich der Volvo nahezu lautlos und entspannt in Bewegung. Auch bei höheren Geschwindigkeiten bleibt es angenehm ruhig. In der „Ultra“-Ausstattung sind die Seitenscheiben zusätzlich akustikverglast.

Die 510 PS stellt der EX60 dabei nicht permanent zur Schau. Der Antritt ist kräftig und direkt, ohne hektisch zu wirken. Seine eigentliche Stärke liegt ohnehin weniger im sportlichen Anspruch als im komfortablen und entspannten Fahren. Das Fahrwerk ist angenehm komfortabel und bügelt Unebenheiten souverän weg – ganz volvotypisch. Auch auf längeren Strecken bleibt der EX60 ruhig und entspannt.

Vier Fahrmodi lassen sich über den Touchscreen auswählen: Range, Standard, Performance und Off-road. Je sportlicher die Einstellung, desto direkter spricht der Antrieb an.

Auch die Lenkung kann individuell angepasst werden. Zur Auswahl stehen „Leichtgängig“, „Standard“ und „Straff“. Am überzeugendsten ist dabei die straffe Einstellung. Die beiden anderen Varianten wirken dagegen weniger präzise und vermitteln weniger Gefühl für das Fahrzeug.

Beim One-Pedal-Driving kann der Fahrer zwischen „Aus“, „Niedrig“, „Hoch“ und „Auto“ wählen. Ein kleines Manko: Die Einstellungen für Fahrmodus, Lenkung und Rekuperation erfolgen über den zentralen Touchscreen und sollten idealerweise vor Fahrtantritt vorgenommen werden. Eine Änderung während der Fahrt ist zwar möglich, lenkt den Fahrer aber vom Verkehrsgeschehen ab.

Der EX60 ist auch mit Heckantrieb (P6) und 374 PS (275 kW/480 Nm) erhältlich. 2027 folgt die Allrad-Topmotorisierung mit 680 PS (500 kW) und 719 Nm — das Modell, das auch mit dem größten Akku und der beworbenen Reichweite von 810 Kilometern an den Start geht.

Akku

Ein, wenn nicht sogar das wichtigste Verkaufsargument bei Elektrofahrzeugen sind Reichweite und Ladegeschwindigkeit. Beim EX60 geht Volvo neue Wege und setzt erstmals auf eine 800-Volt-Architektur. An geeigneten Schnellladestationen soll das 2,35 Tonnen schwere SUV mit bis zu 370 kW laden.

In 16 Minuten kann der Akku von 10 auf 80 Prozent geladen werden, in zehn Minuten kann eine Reichweite von 315 Kilometern nachgeladen werden. Voraussetzung ist, dass die Ladestation die 800-Volt-Technologie unterstützt. Ist das nicht der Fall, kommt der integrierte DC/DC-Booster zum Einsatz, der die Ladegeschwindigkeit an 400-Volt-Stationen optimiert. Aktuell lädt der EX60 dann mit 155 kW, Ende des Jahres soll die Ladeleistung über ein Over-the-Air-Update verbessert werden — vor allem die Maximalladeleistung soll dann länger gehalten werden. Steht kein Schnellader zur Verfügung, lädt der EX60 mit 22 kW. Für eine vollständige Batterieladung werden laut Volvo rund 4,5 Stunden benötigt. 

Eine weitere technische Besonderheit ist die Integration des Akkus in die Karosseriestruktur. Das Cell-to-Body-Verfahren spart nach Volvo-Angaben rund 70 Kilogramm Gewicht und erhöht gleichzeitig die Gesamtsteifigkeit des Fahrzeugs. Davon soll insbesondere das Fahrwerk profitieren.

Die 92 kWh Lithium-Ionen-Batterie ermöglicht Reichweiten von bis zu 660 Kilometern, innerorts sollen sogar bis zu 819 Kilometer möglich sein. Das entspricht einem Verbrauch von 16,2 bis 19,2 kWh pro 100 Kilometer. Die Testrunde rund um Hamburg mit Stadt-, Überland- und Autobahnanteil bestätigt diesen Wert exakt.

Der Hecktriebler speist seine Energie aus einem 80 kWh Akku, die Top-Allradversion startet mit dem größten Akku: 112 kWh sollen für die angekündigten 810 Kilometer Reichweite sorgen.

Design

Mit 4,80 Meter Länge und 1,90 Meter Breite ist der EX60 kein kleines SUV. Trotzdem wirkt er dank seiner Proportionen weniger wuchtig, als die Zahlen vermuten lassen. Aufgrund des langen Radstands von 2,97 Meter wirkt er auf den ersten Blick sogar eher wie ein höhergelegter Kombi. Die geschlossene Front wird von den für Volvo typischen Thors-Hammer-Scheinwerfern eingerahmt. Optisch sticht ein Detail ins Auge, das für mehr Aerodynamik und mehr Reichweite sorgen soll: die fehlenden Türgriffe. Und damit sind wir bei den weiteren, direkt sichtbaren Neuerungen, dem Design. Erstmals kommt ein Volvo-Modell ohne klassischen Türgriffe auf den Markt. Sogenannte Door-Wings (Türflügel) zwischen Türrahmen und Fenster öffnen die Türen, die intuitiv und leicht bedienbar sind. Volvo versichert, dass diese in allen (Not-)Situationen geöffnet werden können – die elektrische Öffnung ist durch mehrere Stromkreisläufe abgesichert. Außerdem sind die Door-Wings 25 Zentimeter lang und in der Tür verankert, damit sie hohen Kräften ausgesetzt werden können. Warum der ganze Aufwand? Die Fahrzeugform wird so aerodynamischer und erhöht die Reichweite um 10 Kilometer. 

Auch im Innenraum geht Volvo neue Wege: Klare Linien, hochwertige Materialien und skandinavisches Understatement bleiben erhalten, der EX60 wirkt allerdings noch reduzierter als bisherige Modelle der Marke.

Erstmals ist der Touchscreen, über den quasi alle Bedienungen gesteuert werden, vertikal angeordnet. Der 15 Zoll große, konvexe Touchscreen ermöglicht, dass Fahrer und Beifahrer beste Sicht auf das Steuerelement haben. 

Klassische haptische Bedienelemente sucht man dagegen weitgehend vergebens. Abgesehen von der Lautstärkeregelung werden nahezu alle Funktionen über den Bildschirm gesteuert. Die Bedienung ist grundsätzlich intuitiv, bei komplexeren Einstellungen gilt allerdings: Besser im Stand bedienen.

Ebenfalls neu bei Volvo ist Google Gemini. Der Sprachassistent soll nicht nur Funktionen des Fahrzeugs steuern, sondern auch allgemeine Fragen beantworten.

Das Lenkrad ist kleiner als bei bisherigen Modellen, um den Blick auf das 11,4 Zoll große Fahrer-Display freizugeben. Das Fahrer-Display ist weit in Richtung Windschutzscheibe verschoben worden und soll so das Head-up-Display ersetzen — eine clevere Lösung, um mit nur einem Element die Vorteile des Head-up-Displays und des Tachos zu verbinden. Wie gewohnt sind die Materialien qualitativ hochwertig und wie gewohnt verzichtet Volvo auf Lederausstattung. 

Ebenfalls im Innenraum befindet sich das neueste Sicherheitssystem von Volvo. „Der neueste Volvo ist immer das sicherste Auto, das wir haben“, sagt Michael Schweitzer. Neu in Sachen Sicherheit ist im EX60 der Sicherheitsgurt, der multi-adaptiv und mit zwölf Kraftbegrenzern ausgestattet ist. Was das konkret heißt? Sensoren messen das Gewicht der Passagiere und berechnen so die optimale Rückhaltekraft, die der Gurt bei einem möglichen Unfall haben muss. Zusätzlich zeichnen Kameras die Sitzposition auf, die Kombination der beiden Werte liefert dann die optimale Rückhaltekraft. Das soll bei Unfällen vor Verletzungen im Brustkorbbereich schützen.

Insgesamt finden Fahrer und bis zu vier Beifahrer gut und bequem Platz im geräumigen EX60, der auch im Fond genügend Platz bietet. Wie immer gilt: Je länger die Fahrt, desto mehr wird der Fünf- zum Viersitzer.

Auch der Kofferraum ist großzügig und praktisch gestaltet. 523 Liter stehen im Normalfall zur Verfügung. Werden die Rücksitze umgeklappt, wächst das Ladevolumen auf 1647 Liter. Dabei entsteht eine ebene Ladefläche.

Praktisch ist außerdem der zweite Ladeboden, der sich geteilt öffnen lässt. Zusätzlich zum eigentlichen Kofferraum steht unter der Fronthaube ein 58 Liter großer Frunk zur Verfügung. Dort finden neben dem Ladekabel auch Warndreieck und Erste-Hilfe-Set Platz.

Das Handschuhfach befindet sich mittig unter dem Touchdisplay, dort kann auch ein Handy induktiv geladen werden. Zusätzlich gibt es vier USB-Anschlüsse — zwei im Handschuhfach und zwei im Fond.

Preis

Der Volvo EX60 kostet in der Einstiegsversion mit Heckantrieb 62.990 Euro. Die Allradversion startet bei 65.990 Euro. 

Zum Vergleich: Der XC60 T6 AWD Plug-in-Hybrid startet bei 67.990 Euro. Damit ist der elektrische EX60 P10 AWD in der Plus-Ausstattung 2000 Euro günstiger als der günstigste Allrad-XC60.

Unser Testwagen, ein Volvo EX60 P10 AWD Ultra, lag inklusive Winter-Paket, Pilot-Assist-Paket, vollelektrischer Anhängerkupplung, Sonderlackierung und 22-Zoll-Leichtmetallfelgen bei 77.800 Euro.

Fotos: Volvo

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Franziska Weber