Der BMW iX3 ist das erste Modell der neuen Neuen Klasse. Fahrbericht.
Neue Neue Klasse? Kein Druckfehler hier und im Vorspann. Nur die kurze Erinnerung daran, dass es die Neue Klasse bei BMW schon einmal gab. Das waren vor über 60 Jahren die damals topmodernen Viertürer der oberen Mittelklasse: BMW 1500, später 1800, 2000. Es ist also lange her. Die Neue Klasse habe damals BMW gerettet, jedenfalls als eigenständiges Unternehmen. Das erzählt die Legende, und es stimmt ja auch ein kleines bisschen.

Die neue Neue Klasse
Der BMW iX3 ist das erste Modell der neuen Neuen Klasse. Der Name ist Programm. Die für die Neue Klasse entwickelten Technologien sollen bis 2027 in insgesamt 40 neue Modelle und Modellüberarbeitungen entweder komplett oder in Details integriert werden.
Das gilt übrigens für alle Antriebsalternativen, die die Marke derzeit im Angebot hat.
Kurzfristiger Ausblick: Nach dem BMW iX3 wird der i3 im kommenden Jahr das zweite Modell der Neuen Klasse sein.
Zukunftsprojekt, Vielzahl von Neuerungen
Doch der erste Auftritt des „größten Zukunftsprojekts von BMW“, so Vorstandsvorsitzender Oliver Zipse, gehört dem iX3. Mit erfreulicher Perspektive: Das erwartete Publikumsinteresse werde schon jetzt deutlich übertroffen.
Nach den ersten Testfahrten mit der Allrad-Version 50 xDrive, so viel sei schon hier gespoilert, sind die Vorschusslorbeeren berechtigt. Das elektrische angetriebene SAV (Sports Activity Vehicle) überzeugt in vielerlei Hinsicht. Der Wagen wartet mit einer derartigen Vielzahl von Neuerungen auf, dass es schwer fällt, eine Rangliste aufzustellen.

Exterieur
Wir starten deshalb mit dem, was als erstes ins Auge fällt – der Optik. Die Designer haben dem 4,78 Meter langen,1,90 Meter breiten und 1,64 Meter hohen Wagen vor allem ein neues Gesicht verpasst. Die vertikal stehende typische BMW-Niere ist wesentlich feiner und kleiner gezeichnet als bei den Modellen der jüngsten Vergangenheit. Da die oberen Ränder leicht in die Fronthaube reichen und der untere Bereich in der Frontschürze eingebettet ist, tritt die Skulptur dennoch deutlich hervor. In die weit nach unten gezogene Frontschürze sind mächtige Lufteinlässe eingelassen. Seitlich der Niere unterstreichen bis an die Scheinwerfer reichende feinste horizontale Leuchtflächen die neue Frontgestaltung.

Das wuchtige Heck wird aufgrund der von den Radkästen bis fast in die Mitte der Ladeklappe reichenden Rückleuchten optisch in die Breite gezogen. In der Seitenansicht fallen die sanft nach hinten abfallende Dachlinie und die glatten Flächen mit bündig in den Türen liegenden Griffen auf. Die fahren übrigens automatisch aus, wenn sich Frau oder Mann mit dem digitalen Schlüssel (Digital Key) dem Fahrzeug nähert.

Interieur
Der Innenraum bietet auf Basis des langen Radstands von 2,90 Metern jede Menge Platz auch auf der Rückbank.
Weitaus beeindruckender aber ist der Blick auf oder besser gesagt über die mit textiler Oberfläche ausgestattete Instrumententafel (unser Aufmacherbild). Alle wichtigen Informationen werden in einem schmalen Band am unteren Ende der gesamten Frontscheibe dargestellt. Das individuell konfigurierbare Display hinter dem Multifunktions-Lenkrad lässt ein herkömmliches Cockpit auf Anhieb vergessen. Auf Wunsch gibt es ein 3D-Head-up-Display. Der zentrale Touch-Bildschirm misst 17,9 Zoll und lässt sich aufgrund einer neuen Menüstruktur mit Schnellzugriff einfach bedienen. Lästiges und ablenkendes Suchen in Untermenüs ist so gut wie überflüssig. Zudem gibt es neben der Sprachbedienung haptische Schalter – unter anderem für die Lautstärkeregelung, die Seitenspiegel und die elektrische Verstellung der Vordersitze. Für das kabellose Laden von Smartphones stehen zwei Plätze zur Verfügung.
Gepäck

Der Kofferraum fasst 520 Liter und kann bei umgelegten asymmetrisch geteilten hinteren Lehnen auf bis zu 1.750 Liter vergrößert werden. Kritikpunkt: Die Ladefläche ist dann nicht komplett eben. Zusätzlichen Stauraum gibt es im Frunk unter der Fronthaube. Das Extrafach fasst 58 Liter.
Antrieb, Reichweite, Ladeperformance
In Sachen Lade-Performance, Zelltechnologie, Reichweite und E-Motoren spielt der iX3 im Vergleich zum Vorgänger in einer komplett anderen Liga. In der nunmehr sechsten Generation des elektrischen Antriebs bei BMW sind alle Komponenten auf 800 Volt Hochspannung ausgelegt. Das ist noch nicht wirklich spannend und schlichtweg zeitgemäß. Doch die neue Rundzelle, die in der extrem flach bauenden Batterie zum Einsatz kommt, hat 20 Prozent mehr Energiedichte als die bislang eingesetzten prismatischen Zellen. Damit erreicht der iX3 nach der WLTP-Norm eine Reichweite von bis zu 805 Kilometer.
Bei unserem Start mit vollgeladenem 108,7-kWh-Akku zeigte der Bordcomputer sogar mögliche 910 Kilometer an. Das suggeriert Dieselqualitäten, ist in der Praxis aber kaum zu erreichen. Doch 600 Kilometer sind bei nicht allzu forscher Fahrweise mit großem Landstraßenanteil absolut realistisch. Wir sind laut Bordcomputer bei Temperaturen um die 18 Grad, einem kleinen Autobahnanteil mit maximal Tempo 120, langen und durchaus flott absolvierten Steigungsstrecken sowie entsprechenden Bergabfahrten auf einen Wert von 18,4 kWh/100 km gekommen, BMW nennt einen Normwert von 17,9 kWh/100 km – beeindruckende Verbrauchswerte bei einem Fahrzeuggewicht von um die 2,3 Tonnen, einer Systemleistung von 345 kW (469 PS) und einem Drehmoment von 645 Nm.
Und damit zum Thema Ladeperformance: Das Datenblatt nennt 21 Minuten für die 80-Prozent-Ladung an der 400 kW-Schnellladestation. Und lediglich zehn Minuten dauert es nach BMW-Angaben, um an einer solchen Ladesäule Strom für weitere 370 Kilometern in den Akku fließen zu lassen. Klassisches Ladetempo hingegen an der Wallbox: elf kW oder optional 22 kW.
Mittlerweile ebenfalls Standard: Die Funktion Vehicle-to-Load (V2L) macht den iX3 zur mobilen Powerbank, Vehicle-to-Home (V2H) ist die Zwischenspeichertechnik für die zu Hause per Photovoltaik-Anlage erzeugte Solarenergie.
Angetrieben wird der iX3 50xDrive über je einen E-Motor an Vorder- und Hinterachse. Damit gelingt der Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 in 4,9 Sekunden, in der Spitze wird bei 210 km/h abgeregelt.
Viele Technikdetails der Neuen Klasse sollen primär die Effizienz des Antriebs steigern: die überarbeiteten Kühlsysteme, die Optimierung des einstufigen Getriebes oder der Einsatz der Siliziumkarbid-Halbleitertechnologie in der elektrischen Zentrale.
Fahrwerkstechnisch ist der iX3 ein typischer BMW – Freude am Fahren -, die Lenkung ist direkt, der Komfort kommt nicht unter die Räder. Der zentrale Steuerungscomputer koordiniert die Funktionen Rekuperation, Antrieb und Bremsen, das klappt erwartungsgemäß tadellos. Technikaffine und verbrauchsorientierte Fahrerinnen und Fahrer kommen praktisch ohne die mechanische Bremse aus, Energiesparen für Fortgeschrittene.

Unter 70.000 Euro
Der neue BMW iX3 50xDrive ist, Überraschung, nicht ganz billig. Die Basisversion kostet 68.900 Euro, eine Vielzahl von Assistenzsystemen wie beispielsweise der Parkassistent samt Kamera oder der Driving Assistent Plus sind allerdings serienmäßig an Bord. Klar, es gibt eine umfangreiche Liste mit optionalen Ausstattungsangeboten, und der eine oder andere Extrawunsch bringt schnell ein paar Tausender mehr auf die Rechnung. Auch die neue Neue Klasse ist ein BMW.

Fotos: BMW
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