Das war die Zukunft: der/die Princess

Vor 50 Jahren: Fortschritt für Fortgeschrittene. Der/die Princess. Ein Auto aus England.

50 Jahre ist eine lange Zeit, genau genommen ein halbes Jahrhundert. Die hier abgebildete Anzeige erschien im Juli 1976 in auto motor und sport, Heft 14/1976. Sie bewirbt den Princess von Leyland, eigentlich die Princess, es ist ja eine Prinzessin.

1976 war Deutschland seit zwei Jahren zum zweiten Mal Weltmeister. Die BRD hatte Holland im Finale besiegt, war aber in der Vorrunde der DDR unterlegen. Deutschland gegen Deutschland 0:1. Der Trainer der Westdeutschen war ein Ostdeutscher: Helmut Schön, der Lange, ehemals Dresdner SC. Die Wiedervereinigung lag gerade mal 14 Jahre in der Zukunft, gefühlt aber 140 Jahre, mindestens. Nachdenkliche, die damals den bevorstehenden Fall des Eisernen Vorhangs prognostiziert hätten, wären schnurstracks in der Psychiatrie gelandet.

England hatte die WM-Qualifikation verpasst. Immerhin vertrat Schottland das United Kingdom, schied aber in der Vorrunde aus. Ein WM-Turnier ohne England – das war 1974 so lächerlich wie es 2026 eine WM ohne Italien ist. Der Fußball-Gott, es gibt ihn nicht.

Mitte der 70er-Jahre waren England und Italien nicht nur bedeutende Fußballnationen – fast so bedeutend wie Deutschland jedenfalls, das sogar gegen sich selbst spielte und verlor und gewann, siehe oben. Die Insel im Nordatlantik und das Land auf dem Stiefel im Mittelmeer waren außerdem führende Länder der Automobilkultur und -wirtschaft. Die Briten hatten neben dem/der Princess auch die Marken Austin, Morris, MG, Jaguar, Rover und Triumph am Start. Allesamt vereint unter dem Dach von British Leyland, aka Britisch Elend. Die Qualität ließ ein bisschen zu wünschen übrig. Es ist nicht gut, wenn sich der Staat ins Geschäftsleben einmischt. Obwohl – wäre das Unternehmen 1975 nicht verstaatlicht worden, wäre es schon damals untergegangen. Lange tröpfelte aber auch der staatliche Tropf nicht, in den 80ern wurde das Multimarken-Experiment schließlich zerschlagen und reprivatisert. Übrig geblieben sind nach vielen Irrungen und Wirrungen und spektakulären Geldverbrennungsaktionen Mini (vormals Austin, jetzt bei BMW), Land-Rover und Jaguar (jetzt bei Tata, Indien) und MG (jetzt bei SAIC, China).

Die britischen Luxus-Ikonen Rolls-Royce (jetzt bei BMW) und Bentley (jetzt bei Volkswagen) sind in deutscher Hand, Aston Martin fährt in einer winzigen Supersportwagen-Nische immerhin selbstständig.

Der/die Princess symbolisiert die 70er-Jahre jedenfalls perfekt – ein Stück weit auch die Parallelen zur Gegenwart. Viele Marken auf dem Markt, die Automobilbranche im Umbruch. Die Chinesen waren damals die Japaner, nur nicht ganz so zahlreich.

Der/die Princess war übrigens ein Mittelklasseauto für mutige Individualisten. Vier- und Sechszylinder, 82 und 110 PS. Gasfederung, Kontroll-Leuchten für die Sicherheitsgurte, Elektrouhr, Servobremse. Gegen Aufpreis Borg-Warner-Automatik. Steht alles in der Anzeige. „Fortschritt für Fortgeschrittene“, damals jedenfalls, und die Marke Princess überlebte nur ein paar wenige kümmerliche Jahre.

Hugo von Bitz