Der digitale Check zeigt: Tachomanipulation ist nicht die Regel, aber auch nicht die Ausnahme. Kilometerstände sind häufig manipuliert. Gemeinsame Studie von TÜV Nord Mobilität und Carly.
Bei jedem neunten in Deutschland ausgelesenen Fahrzeug-Scan gibt es Hinweise auf eine mögliche Tachomanipulation. Das zeigt eine gemeinsame Untersuchung des TÜV Nord und der Cartech-Firma Carly. Basis der Studie sind 6,6 Millionen Fahrzeug-Scans. Das Ergebnis: Neben den Hinweisen auf Tachomanipulation fand sich in 82,8 Prozent der Scans mindestens ein Fehlereintrag im Bereich Kfz-Elektrik.
„Ein Gebrauchtwagen hat heute zwei Zustände: den sichtbaren und den digitalen. Während Optik, Tacho und Scheckheft nur einen Teil der Geschichte eines Fahrzeugs erzählen, liefern die Steuergeräte zusätzliche Informationen“, sagt TÜV Nord Mobilität-Chef Hartmut Abeln.
Jeder neunte Scan in Deutschland zeigt Hinweise auf Tachomanipulation
Besonders relevant für Gebrauchtwagen-Käufer ist der Blick auf den Kilometerstand. Wichtiges Prüfkriterium: Moderne Fahrzeuge speichern Informationen zur Laufleistung nicht ausschließlich im Kombiinstrument, sondern in mehreren Steuergeräten. Wird lediglich der Tachostand verändert, können in anderen Steuergeräten höhere Kilometerstände zurückbleiben. Die gemeinsame Auswertung von TÜV Nord und Carly zeigt: Bei 11,5 Prozent der ausgewerteten Scans aus Deutschland liegt mindestens ein ausgelesener Kilometerstand über dem angezeigten Tachostand.
Klar ist: Ein Scan, der zeigt, dass mindestens ein im Fahrzeug gefundener Kilometerstand höher ist als der angezeigte Tachostand, wird als Hinweis auf eine Manipulation gewertet. Einschränkung: Die ermittelten Werte sind ausdrücklich als Obergrenze zu verstehen. So wurden beispielsweise der Austausch eines Kombiinstruments oder eines Steuergeräts in der vorliegenden Auswertung noch nicht durch Plausibilitätsfilter bereinigt.
„Je mehr Informationen über den tatsächlichen Zustand eines Fahrzeugs verfügbar sind, desto besser lassen sich Entscheidungen beim Gebrauchtwagenkauf auf eine nachvollziehbare Grundlage stellen“, sagt Carly-Chef Avid Avini: „Genau hier setzt unsere Zusammenarbeit mit TÜV Nord an. Mit Carly Vista machen wir dieselben Daten auch für Händler und andere Unternehmen der Branche auswertbar, zum Beispiel, um Kilometerstände über ganze Fahrzeugbestände hinweg zu prüfen.“
Dokument Fehlerspeicher
Neben dem Kilometerstand ermöglicht die Onboard Car Diagnose einen detaillierten Blick auf die gespeicherten Fehlereinträge eines Fahrzeugs. Das System analysiert Fehlercodes auf Hersteller-Ebene und kann damit über generische On Board Diagnose-Codes hinausgehen.
Die ermittelten Daten zeigen, wie umfangreich die digitale Diagnose moderner Fahrzeuge inzwischen ist: 82,8 Prozent der ausgewerteten Scans enthalten mindestens einen Eintrag im Bereich Kfz-Elektrik. Bei der Spannungsversorgung und im Bordnetz liegt der Anteil bei 66,7 Prozent. Weitere häufige Kategorien sind Motorsensorik mit 59,9 Prozent, Kraftstoffaufbereitung mit 45,4 Prozent sowie Heizung und Klimaanlage mit 38,0 Prozent. Dabei gilt: Ein gespeicherter Fehlercode bedeutet nicht automatisch, dass aktuell ein sicherheitsrelevanter Defekt vorliegt, denn die Auswertung umfasst auch sporadische oder historische Einträge.
Zudem können bei einem Scan mehrere Fehlerkategorien gleichzeitig auftreten. Zu den in der Auswertung identifizierten Fehlern gehören unter anderem Probleme mit Ladedrucksystemen und Turboladern, Bremsverschleiß, Fehler an Motorsensorik und Kraftstoffaufbereitung sowie Einträge im Bereich von Abgasnachbehandlung und Dieselpartikelfiltern. Die geschätzten Reparaturkosten einzelner häufiger Fehler reichen oft von mehreren hundert bis zu mehreren tausend Euro.
Der Check des digitalen Fahrzeugzustands kann vor diesem Hintergrund eine wichtige Ergänzung zur klassischen TÜV-Prüfung sein. Während die Hauptuntersuchung eine unabhängige sicherheitsbezogene Perspektive liefert, bringt die digitale Diagnose den zusätzlichen Blick auf gespeicherte Informationen aus den Steuergeräten.
„Die Hauptuntersuchung, die Fahrzeughistorie und die digitale Diagnose beantworten unterschiedliche Fragen“, sagt TÜV Nord Mobilität-Chef Hartmut Abeln. Die digitale Diagnose sei deshalb „ein weiterer Baustein für einen transparenteren Gebrauchtwagenmarkt“ mit dem Ziel, Fahrzeugdaten standardisiert und nachvollziehbar nutzbar zu machen – für Händler ebenso wie für Käuferinnen und Käufer. Carly-Chef Avid Avini: „Je mehr Informationen über den tatsächlichen Zustand eines Fahrzeugs verfügbar sind, desto besser lassen sich Entscheidungen beim Gebrauchtwagenkauf auf eine nachvollziehbare Grundlage stellen.“
Die Untersuchung, TÜV NORD Mobilität und Carly
Die gemeinsame Datenbasis der zitierten Studie umfasst 6,6 Millionen aktuelle Scans, davon rund die Hälfte aus Deutschland. Ausgewertet wurden Fahrzeuge verschiedener Segmente mit dem Schwerpunkt auf Fahrzeugen ab Baujahr 2000. Zu den Urhebern: TÜV NORD Mobilität bietet Dienstleistungen rund um Fahrzeugprüfung, Verkehrssicherheit und Mobilität. Carly entwickelt digitale Lösungen für die Fahrzeugreparatur und -wartung und stellt mit seiner Diagnose Fahrzeugdaten bereit.
Foto: motorfuture
