Über kurz oder lang

Die Autos werden immer größer, und die Industrie wird immer kleiner. Jedenfalls hierzulande. Über kurz oder lang gibt es nur die Gewissheit, dass es keine Gewissheiten gibt.

Es ist einiges aus den Fugen geraten im Universum der Mobilitätsmaschine Automobil. Die Nachfrage wächst, aber der Job-Motor stottert. China kommt und Europa zittert. Das Produkt wird immer größer und schwerer und teurer. Warum eigentlich? Und Politiker, die den Niedergang herbeigeredet haben, rufen jetzt „Haltet den Dieb“.

Wahlkampf unter der Gürtellinie ist nicht schwer, das Ministerpräsidentenamt dagegen sehr. Cem Özdemir, Profiteur einer grünen Schmutzkampagne auf den letzten Metern, kostet jetzt von den sauren Früchten der Macht. Eine insolvente Papierfabrik im Schwarzwald, eine aufgegebene Brauerei in Mannheim, ein Metallbetrieb auf der Ostalb, eine Pharmafirma in Tübingen – annähernd tausend verlorene Industrie-Arbeitsplätze in wenigen Wochen. Existenzgrundlagen für annähernd tausend Familien, die nicht ersetzt werden können. Es ist nur die aktuelle Spitze des Eisbergs. Baden-Württemberg im freien Fall. Früher führte die Suche nach neuer Arbeit zum Daimler, zum Bosch, in die gewaltigen Fangarme der Automobilindustrie. Das ist vorbei. Dem grünen E-Auto-Seher („Die Messe ist gelesen“) fliegt jetzt die jahrzehntelange Agitation und Politik seiner Partei gegen das Automobil um die Ohren. Die Talfahrt der Branche beschleunigt sich, die Jobs gehen ins Ausland, Özdemirs Regierung baut Stellen auf – aber nur im Beamtenapparat.

Doch der Reihe nach

Die Mobilitätsmaschine Automobil ist ein Phänomen. Sie wächst und wächst und wächst. Die Menschen lieben den Apparat, der Freiheit und Wohlstand gebracht hat. Das Wohlstandsversprechen gilt heute für Osteuropa und den Fernen Osten – das Saarland, Niedersachsen, Baden-Württemberg und bald auch Bayern gehen am Stock. Das Freiheitsversprechen ist geblieben, immerhin. In Deutschland sind mittlerweile 49,5 Millionen Automobile zugelassen, 593 auf 1000 Einwohner einschließlich Babys, Kinder, Jugendliche und Greise. Grund genug für die Politik, die Vierrad-Freunde zu quälen, wo immer es möglich ist. Jedenfalls hierzulande. Weltweit wächst die Jahresproduktion, die Chinesen montieren mittlerweile gut 40 Prozent der 80 Millionen Neuwagen.

Es ist wie es ist

Nachdenklich machen über kurz oder lang auch andere Entwicklungen. Länger, breiter, höher, schwerer – ist es ein Auto oder ein Panzer? Sicherheitsaspekte sind ein Grund für das Ausmaß der Maßlosigkeit, zweifellos ein gutes Motiv. Am sichersten wäre allerdings ein Automobil, das nicht fährt, aber das trauen sie sich nicht. Zumal Sicherheit bei den nach allen Seiten offenen Zweirädern kein Thema ist – Fahrräder, Mopeds, Roller, Motorräder. Von den E-Scootern ganz zu schweigen, die 14-Jährige zu rasenden Zeitbomben machen.

Prognosen sind schwierig…

Wir sparen uns die Pointe, Mark Twain, Karl Valentin oder wer auch immer würden uns mit der Großherzigkeit des Dichters verzeihen. Klar ist, dass die Wachstumshormone der Konstruktion das Produkt dorthin zurückführen, wo es vor fünf, sechs, sieben Jahrzehnten schon einmal stand. Gemeint ist der steile Berg der Unbezahlbarkeit. Und gemeint sind die Märkte Westeuropas, das ist die Gegend, in der wir uns befinden. Den kleinen Fiat 500 (unser Aufmacherbild links) gab es 1974 für 4390 D-Mark. Das Auto ist 2,97 Meter kurz, 1,32 Meter schmal, 525 Kilogramm leicht, und der 0,6-Liter-Zweizylinder leistet 18 PS. Der große Cinquecento rechts daneben (3,63 Meter, 1,68 Meter, 1055 kg, 65 PS) kostet 19.990 Euro, umgerechnet 39.000 D-Mark. Mindestens. Das ist viel mehr Auto, zugegeben, für viel mehr Geld. Faktor 9.

Klar, die Einkommen sind im genannten Zeitraum ebenfalls stark gestiegen, aber die Steuerprogression und die Sozialabgaben fressen sich wie Schaufelbagger in die Bruttobeträge. Brutto für netto ist auch der Kleinwagen wieder ein Luxusgut.

Opa erzählt vom Krieg

Nein, der alte Mann erzählt von der Zeit. 

Ist doch keine Frage, dass damals nicht alles besser war. Die Autos waren damals nicht besser, sondern unsicher. Die Straßen waren schlecht, und der Verkehrstod war ein täglicher Begleiter.

Aber die Vorstellung vom endlos wachsenden Wohlstand der kleinen Frau hat sich wie so vieles andere auch als Illusion erwiesen.

Damals vertraute die Politik der Wirtschaft und die Wirtschaft vertraute der Politik, und die Gewerkschaften kämpften für hart arbeitende Menschen. Man nannte es soziale Marktwirtschaft.

Damals hatten die Beamten ihre Privilegien (Unkündbarkeit, Pension), weil sie deutlich schlechter verdienten als in der freien Wirtschaft.

Damals teilten sich drei Parteien die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, und eine Partei verschanzte sich (mit ihren Blockflöten) in der DDR hinter Mauer und Stacheldraht.

Kalter Krieg.

Pazifisten, Maoisten, Alt-Nazis, Päderasten und politische Glücksritter gründeten die Partei Die Grünen: „Power to the Bauer“, „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Grünen lehrten die Altparteien und die Gesellschaft immerhin das Thema Ökologie. Die SED führte die DDR ins ökonomische Desaster und in die ökologische Katastrophe.

Die heldenhaften DDR-Bürger schafften die friedliche Wende. Währungsunion und Treuhand schafften die DDR-Bürger.

Über kurz oder lang also alles im Fluss. Auch und gerade 36 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Die sogenannte Automobilindustrie der Deutschen Demokratischen Republik? Ist eine andere Geschichte. Der Trabbi und der Wartburg haben die Leute erst jahrelang warten lassen und dann glücklich gemacht. Glück ist eine Frage der Perspektive.

Foto: motorfuture

Hugo von Bitz