8UNG, Gegenverkehr: das Wegwerfauto

Aus China, dem Reich der Superlative, kommt neue Kunde. Die Rede ist vom Trend zum Wegwerfauto. Eine Entwicklung, die sich an den Irrungen und Wirrungen moderner Gesellschaften orientiert.

Das Phänomen ist so alt wie der Massenkonsum selbst, jeder kennt es, jeder lebt es. Der Westen hat’s erfunden. Was scheinbar überholt ist, nicht mehr gefällt, nicht mehr irgendwelchen Ansprüchen genügt, wird ausgemustert, zum alten Eisen befördert, weggeworfen: Kleidung,  Möbel, TV-Geräte, Kochtöpfe, Telefone; zuweilen auch Haustiere, Lebensabschnittspartner, Fußballtrainer, die es nicht mehr bringen.

Für den Verbraucher ist das gut, jedem (neuen) Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne. Für das Sozialprodukt ist es besser: kaufen und konsumieren kurbelt die Wirtschaft an. Für manche menschliche Existenz ist es am besten, die Ödnis und Langeweile zwischen Geburt und Tod will schließlich besiegt werden.

In China, melden die Späher, gerät jetzt auch das Automobil in den Sog des gnadenlosen Weg-damit. Die Leute spielen und fahren mit dem Kraftwagen ein wenig, und sobald es mehr Spiel und Spannung und Funktionen und Gadgets gibt, nehmen sie den nächsten Apparat, und weil der alte nicht wie das Smartphone in eine Schublade passt, stellt man ihn auf den Wertstoffhof. Akkus raus, Metalle raus, seltene Erden raus, fertig. Der Rest kommt in die Presse, die Recyclingbranche liebt die kompakten Stahlblechwürfel. Win-win-win für alle.

Das Wegwerfauto könnte also einerseits die Lösung vieler Probleme sein, andererseits ist die Idee gar nicht neu. Und damals war sie überhaupt nicht sexy. Das Wegwerfauto des Westens rostete lange Jahrzehnte schon im Prospekt, schlechtes Blech und billiger Lack und null Konservierung brachten die korrodierten Karossen schon nach wenigen Jahren auf den Schrottplatz. Damals nannte man die Dinge noch beim Namen. Wer mit dem Wegwerfauto groß geworden ist, hat das Straßenbild der 60er-, 70er-, 80er-Jahre nicht vergessen, als aus den Reihen der freudlosen Rostlauben nur die wirklich fabrikneuen Exemplare hervorfunkelten.

Heute stehen 10 und 15 Jahre alte Oldies auf der Straße, als kämen sie direkt vom Band. Gut möglich, dass die jungen Leute im Reich der Mitte an dieser Stelle ein freundliches Lächeln schenken. Die Chinesen sind höfliche Menschen. Und sie achten die Alten.

PS. Den Gegenentwurf zum Wegwerfauto kann man übrigens bis heute in Kuba besichtigen. Wenn es keine neue Ware gibt, wird das alte Material mit Hin- und Erfindungsgabe gehegt und gepflegt. Dann dengelt der Schmied am nachhaltigen Glück. Auch die gelernten DDR-Bürger der älteren Generationen kennen den Takt und den Text. Die Bewältigung der Gegenwart ist nicht zuletzt eine Frage der Möglichkeiten.

Foto: Pixabay

 

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Hugo von Bitz